von Klaus Cölln und Andrea Jakubzik
Im Gegensatz zu den Bienen bieten die Wespen aus dem Taxon der Hymenoptera Aculeata ihren Nachkommen Spinnen oder Insekten als Nahrung an. Da das Gewicht dieser Nahrung nicht eins zu eins in neue Biomasse umgesetzt wird, muss es stets das der imaginalen Wespe um ein Mehrfaches übertreffen. Bei der Verwendung eines einzelnen Beuteindividuums für die Verproviantierung muss dieses so groß sein, dass es nicht mehr fliegend zum Nest transportiert werden kann.
Die Beutetiere müssen daher mühsam über mehr oder weniger lange Strecken zum Nest gezogen oder getragen werden. Das erfordert nicht nur relativ viel Energie, sondern kostet auch Zeit und räumt damit potentiellen Parasiten größere Chancen ein. Deshalb bestehen Tendenzen zur Optimierung der Transportleistung, die man an Beispielen aus der Familie der Grabwespen (Spheciformes) verdeutlichen kann.
Dolichurus corniculus ist in ihrem Brutfürsorge-Verhalten relativ undifferenziert (Abb. 1a). Sie verproviantiert jeden Nachkommen mit einer Waldschabe. Dabei wird die mit Stachelgift gelähmte Beute an den auf ein Drittel gekürzten Fühlern rückwärts laufend in ein Versteck gezogen und mit einem Ei belegt.
Ammophila sabulosa ist in dieser Hinsicht deutlich differenzierter. Sie legt Erdnester an, die sie meist mit jeweils nur einer großen Schmetterlingsraupe als Proviant für ihre Nachkommen versorgt. Diese Raupe wird durch Stiche gelähmt und mit den Kiefern und Vorderbeinen unter dem Körper in das vorbereitete Nest getragen. Daraus ergibt sich zwar gegenüber der Beute schleppenden D. corniculus ein energetischer und zeitlicher Vorteil. Aber ein Fliegen über die ganze Wegstrecke ist aufgrund des Gewichts der Raupe auch hier nicht möglich. Der Transport einzelner Körperteile, wie es die Brutpflege betreibenden Sozialen Faltenwespen praktizieren, verbietet sich hier, denn das essentielle Prinzip einer nachhaltigen Versorgung der Nachkommen besteht bei Grabwespen darin, dass die Beutetiere zur Verhinderung von Zersetzungsprozessen nach der Lähmung durch das Stachelgift ihre basalen Lebensfunktionen beibehalten.
Eine weitere Optimierung gelingt durch die Wahl von Beutetieren geringerer Größe, die das Eintragen im Fluge erlaubt. Diesen Weg geht Ectemnius rubicola (Abb. 1b), die jede Zelle ihres Nests mit bis zu acht Fliegen geeigneter Körpergröße verproviantiert, die sie nach und nach im Fluge einträgt.
Abb. 1: Ausgewählte Grabwespenarten (Größenrelationen nicht aufeinander abgestimmt;
a: Weibchen der Grabwespe Dolichurus corniculus (7 mm); b: Weibchen der Grabwespe Ectemnius rubicola (7 mm); Zeichnungen: Jochen Jacobi.
Das eingetragene Tiermaterial ruft auch andere Nutznießer herbei. Dies wurde z.B. innerartlich beobachtet. Vertreter der Grabwespe Ammophila sabulosa, die bei der Suche nach einem Nistplatz oder bei der Jagd ein frisch verschlossenes Nest einer Artgenossin finden, öffnen dieses, ziehen die Raupe heraus, ersetzen das fremde Ei durch ein eigenes und bringen das Beutetier wieder in dem Nest unter. Hat die Ammophila bereits ein eigenes Nest angelegt, so transportiert sie die Raupe dort hin.
Die Grabwespe Passaloecus corniger geht selbst gar nicht mehr auf die Jagd, sondern stiehlt die als Larvenproviant benötigten Blattläuse aus Nestern anderer Arten (Corbet & Backhouse 1975). Damit ist die zwischenartliche Ebene erreicht, die im Gebiet durch die parasitoide Grabwespe Nysson spinosus repräsentiert werden. Die von dieser Spezies in die verproviantierten Nester ihres Wirts gelegten Eier haben meist gegenüber der Wirtsbrut einen Entwicklungsvorsprung. Ihre Larven fressen nach dem Schlupf sofort das Wirtsei und vollenden ihre Entwicklung unter dem Verzehr des vom Wirtsweibchen herbeigeschafften Proviants. Als potentielle Wirte dieses Parasitoiden wurden im Ehemaligen Munitionsdepot Friesheimer Busch die Grabwespenarten Argogorytes mystaceus und Gorytes laticinctus nachgewiesen.
Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie komplex die Interaktionen zwischen den Arten des NSG „Ehemaliges Munitionsdepot im Friesheimer Busch“ sind. Dank der Pflegeeinsätze des NABU werden sie auch noch lange erhalten bleiben. (2026)
Bilder: Jochen Jacobi
Literatur
Cölln, K. & A. Jakubzik (2014): Wespen und Bienen eines technisch geschaffenen Landschaftssegments: Ökologisches Beziehungsgefüge und naturschutzfachliche Bedeutung (Hymenoptera: Aculeata et Gasteruptiidae). – Dendrocopos 41, 57-106. Trier
Corbet, S.A. & M. Backhouse (1975): Aphid-hunting wasps: a field study of Passaloecus. – Transactions of the Royal Entomological Society London 127, 11-30. London.