Vom Munitionsdepot zum Naturschutzgebiet                                                                             Die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt des Naturschutzgebietes „Ehemaliges   Munitionsdepot Friesheimer Busch“ in Erftstadt-Friesheim

April 2016

Rhein-Erft-Kreis/Erftstadt: Bis 1994 nutzten belgische Streitkräfte das über 50 Hektar große Areal im Friesheimer Busch als Munitionsdepot. Um die ca. 300 Munitionshütten errichtete die belgische Armee Erdwälle. Da die Flächen um die Munitionsbunker aus Brandschutzgründen von Bäumen und Sträuchern freigehalten und kontinuierlich gemäht wurden, entstanden magere, nährstoffarme Böden, die im Rhein-Erft-Kreis sehr selten sind. Wo einstmals Panzermunition in Hütten deponiert war, entwickelte sich im Laufe der Zeit durch die Pflegemaßnahmen, eine besonders große Artenvielfalt. Das ehemaliges Munitionsdepot Friesheimer Busch weist sehr seltene Biotoptypen und akut bedrohte Tier- und Pflanzenarten auf. Aufgrund der darauf beruhenden sehr hohen Bedeutung für den Naturschutz wurde die Fläche vor mehreren Jahren als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Von Beginn an erfassen Experten des Naturschutzbundes und der Biologischen Station die enorme Artenvielfalt der Flora und Fauna. Es handelt sich um eines der wertvollste Naturschutzgebiete im Rhein-Erft-Kreis.

Die Vorkommen bedrohter Arten gehen zu einem erheblichen Teil auf die vormalige „militärischen Bewirtschaftung“ der Fläche zurück. Schon Jahre vor dem Abzug der belgischen Armee im Jahre 1989 wurde die jahrzehntelang praktizierte Pflege nicht mehr durchgeführt. Die daraufhin einsetzende und nach einigen Jahren dann naturgemäß rasant fortschreitende Wiederbewaldung hatte die wertgebenden Tier- und Pflanzenvorkommen auf Reliktbestände zusammenschrumpfen lassen. Im Jahre 2003 hat der NABU Rhein-Erft die naturschutzorientierte Pflege auf rund 35 ha des insgesamt 52 Hektar großen ehemaligen Munitionsdepots übernommen.

Die Fläche steht im Eigentum des Landesbetriebes Wald und Holz, der wiederum Teilflächen an den NABU Kreisverband Rhein-Erft verpachtet hat. Ein Großteil der ehrenamtlichen Arbeit des NABU Rhein-Erft entfällt auf die Pflege von ökologisch besonders wertvollen Flächen, wie dem Naturschutzgebiet (NSG) Ehemaliges Munitions-

depot Friesheimer Busch. Um die steigenden Anforderungen effizient und mit der notwendigen Kontinuität be-

wältigen zu können, gründete der NABU-Rhein-Erft im Jahr 2003 eine Naturschutz- und Landschaftspflegestation (LPS) mit angeschlossenem landwirtschaftlichen Betrieb sowie Schaf- und Ziegenzucht. Mit unermüdlichen ehrenamtlichen Engagement wird seitdem unter anderem das Naturschutzgebiet (NSG) Ehemaliges Munitions-

depot Friesheimer Busch gepflegt.

Größere Maßnahmen im NSG erfolgen immer in enger Absprache und Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Wald und Holz. Florian Claßen als zuständiger Förster unterstützt die Arbeit des NABU Rhein-Erft durch verschiedenste Maßnahmen. Z. B. wurden Dämme durchbrochen und Wege instand gesetzt, um die Beweidung überhaupt möglich zu machen, denn die täglich zu versorgenden Tierherden oder die zu bearbeitenden Flächen können mit entsprechenden Fahrzeugen nur erreicht werden, wenn die Wege im NSG in einem guten Zustand sind. Ausserdem mussten noch Reste der Holzhütten entsorgt werden, die noch auf dem Gelände lagerten. Des weiteren werden in diesem Jahr durch den Landesbetrieb Wald und Holz Teiche zur Unterstützung der vorhandenen Amphibienvorkommen, speziell für Springfrosch und Kreuzkröte angelegt.

 

Foto 1: Birgit Schleicher "Lämmer"  /  Foto 2: Termin mit dem Forstamt von li.:  Dr. Bernhard Arnold und Simone Bergheim (NABU Rhein-Erft) sowie Uwe Schölmerich (Leiter des Regonalforstamtes Rhein-Sieg-Erft) und Florian Claßen (Revierförster Forstbetriebsbezirk Kerpen) bei der jährlichen Begehung des Naturschutzgebietes "Ehemaliges Munitionsdepot Friesheimer Busch).

Foto 3: Karin Heller "Ziegen"

In Abhängigkeit von Entwicklungsziel und Geländerelief kommen für die Pflege der Flächen Mahd und Beweidung infrage. Die Skuddeschafe, Heidschnucken und Walliser Schwarzhalsziegen sind dabei unverzichtbare Helfer um dieses Gebiet von Verbuschung freizuhalten. Durch diese gezielte Beweidung bleiben die Flächen in ihrer charak-teristischen Form erhalten. Während auf ebenen Flächen der schonende Balkenmäher genutzt wird, werden zur Beweidung der Wälle die für die Biotoppflege besonders geeigneten äußerst genügsamen Skuddeschafe und Heidschnucken eingesetzt. Walliser Schwarzhalsziegen sind für die Reduktion aufkommender Gehölze zuständig. Sie gehören zu den alten, vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen.

 

Die naturschutzfachlich anspruchsvolle Pflege und Erhaltung von ausserordentlich wertvollen Sandtrockenrasen, Zwergstrauchheiden, Seggenrieden und orchideenreichen Feuchtwiesen und Fettwiesen ist sehr arbeitsintensiv und machen die Arbeiten in der Naturschutz- und Landschaftspflegestation dabei sehr abwechslungsreich und spannend: täglicher „Tierdienst“, d.h. tägliche Betreuung der Schaf und Ziegenherde mit Kontrolle und Wasser-versorgung, Vorbereitung von Weideflächen und Weidewechsel, Schafschur, Klauenpflege, Parasitenbehandlung, Mahd und Heuwerbung, Entbuschen, Aufbau und Kontrollen von Amphibienzäunen, die Ertüchtigung oder Neuanlage von Flachgewässern, usw.

 

Die Naturschutz- und Landschaftspflegestation des NABU Rhein-Erft übernimmt mit

ehrenamtlichem Engagement:

- die Verwaltung der betreuten Fläche

- die Erarbeitung von zielorientierten Pflegekonzepten

- die naturschutzfachliche Begleitung

- Dokumentation und Erfolgskontrolle der Biotoppflege

- die Bemühung um Finanzierung der Pflegearbeiten und die Beschaffung und

Unterhaltung von geeignetem Arbeitsgerät

- Unterstützung der Umweltbildungsarbeit für Kinder des NABU-Rhein-Erft
- Durchführung von Presseterminen und öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen

 

Ein begleitendes Monitoring ist unerlässlich für solche Gebiete, es lässt mögliche Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und es hilft die Biotoppflege zu optimieren. Der NABU Rhein-Erft hat mittlerweile einige Monitorings durchführen lassen. Vor Beginn der Arbeiten im Munitionsdepot wurde 2001 bereits die Flora des Gebiets umfassend kartiert. Auch die Hautflügler wurden zwischenzeitlich fundiert untersucht und auch zur Schmetterlings-, Amphibien- und Reptilienfauna liegen schon zahlreiche Daten vor.

 

Einige für die vorhandenen Biotoptypen wichtige Organismengruppen sind bislang aber noch gar nicht erfasst worden. Zudem sind in den letzten beiden Jahren streng geschützte Pflanzen- und Tierarten (z. B. Ringelnatter) entdeckt worden, deren Vorkommen im Gelände bis dahin unbekannt war. Trotz des umfangreich, vorhandenen Datenmaterials besteht somit noch ein erheblicher Handlungsbedarf hinsichtlich der Erfassung von Flora und Fauna.

Zur Zeit werden rund 2600 Arbeitsstunden pro Jahr für die Pflegearbeiten im Munitionsdepot ehrenamtlich durch den NABU geleistet. Obschon die praktischen Arbeiten im Gelände ehrenamtlich geleistet werden, verursacht die Pflege und Entwicklung des Schutzgebiets Kosten in einer Größenordnung von mehr als 10.000 € pro Jahr. Zur Finanzierung hat der NABU Rhein-Erft daher Verträge im Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) des Rhein-Erft-Kreis abgeschlossen. Weiterhin werden Projekte durch finanzielle Förderung durch die HIT-Umwelt- und Naturschutz-stiftung und der Kultur- und Umweltstiftung der Kreissparkasse Köln ermöglicht.

Foto: Simone Bergheim, Schafherde im MunDepot
Foto: Simone Bergheim, Schafherde im MunDepot