Wunderdrogen aus Krabbeltieren -

Die Rolle von Insekten in Aberglauben, Religion und Medizin

von Andrea Jakubzik und Dr. Klaus Cöln

"Als Insekten sind wir da, mit kleinen scharfen Scheren, Satan, unsern Herrn Papa, nach Würden zu verehren" (Faust I). Offensichtlich besaßen die Insekten zu Zeiten Goethes einen anderen Stellenwert als heute, denn anders ist das Auftreten dieser heute oftmals nur noch als zierendes Beiwerk (z. B. Schmetterlinge) geduldeten oder als Lästlinge und Schädlinge verfolgten Tiere in der klassischen Literatur nicht zu erklären. Längst vergessen ist die vielfältige Einbindung der Insekten in viele Bereiche menschlichen Wirkens und Glaubens, wobei das Spektrum das ganze tägliche Leben umfasste. Insekten dienten nicht nur als Nahrung und Rohstofflieferanten, sondern fanden auch vielfältigen Eingang in Religion und Aberglauben, Magie und Medizin, Kunst und Kultur.

Insekten lassen sich nicht so leicht anhand ihrer Lebensäußerungen in den Erfahrungsbereich des Menschen einordnen wie Wirbeltiere, die ihm in Bau und Lebensäußerungen mehr entsprechen und ihn als Haustiere ständig umgeben. Die von Insekten ausgehende Faszination ist vermutlich vielfältigen Ursprungs, wobei die bizarren Formen mancher Arten, explosionsartige Massenvermehrung und das Phänomen der Metamorphose in ihrer Individualentwicklung als auslösende Faktoren in Frage kommen könnten.

 

Mit Kirche und Kadi gegen die Plage

 

Gegenüber den unregelmäßig auftretenden, unter anderem durch Heuschrecken, Maikäfer, Olivenfliegen, Kornkäfer und Motten verursachten Plagen, die oftmals große Hungersnöte bedingten, fühlten sich die Menschen bis zur wissenschaft-lichen Revolution im 18. Jahrhundert hilflos, da sie weder die Ursachen dieses Phänomens durchschauten noch über wirksame Gegenstrategien verfügten. So versuchte man, gegen die vermeintlich durch Urzeugung spontan aus toter und faulender Materie hervorgehenden Ungezieferscharen vor weltlichen und kirchlichen Gerichten juristisch vorzugehen. Derlei Prozesse wurden zunächst vor allem in der Schweiz, später auch in anderen Ländern Europas abgehalten.

 

Im Frühjahr 1479 fallen Heerscharen von Engerlingen und Käfern über die Berner Landschaft her. Die Kirche als letzte Hoffnung erteilt die Anweisung, man müsse das Ungeziefer formell und öffentlich ermahnen, sich binnen sechs Tagen an einen Ort zurückzuziehen, an dem es keinen Schaden mehr anrichte. Für den Fall, dass die Mahnung keine Wirkung zeige, sollen sie vor das bischöfliche Gericht in Lausanne geladen werden. Nun, die Schädlinge wüten weiter, es kommt zum Prozess, in dem das Ungeziefer aufgefordert wird, unverzüglich zu weichen. Zudem werden die Tiere vom Bischof exkommuniziert.

Der Skarabäus, Symbol der Auferstehung

 

Im Alten Ägypten war neben weiteren Skarabäen-

arten der Heilige Pillendreher Scarabaeus sacer, ein etwa 3 cm großer Käfer, dem Sonnengott Re geweiht. Er galt als Symbol der Auferstehung und der Wiedergeburt. Einbalsamierten Toten legte man künstlerische Nachbildungen des Käfers in die Herz-

grube als Fürsprecher bei den Richtern des Toten-reichs. Die Pillendreher stellen aus Dung sowohl Futterpillen für die eigene Ernährung als auch Brut-

pillen für die Ernährung der Larven her. Aus dem Verhalten der Käfer beim Rollen der Mistkugel schloss man, sie würden den Lauf der sich von Ost nach West bewegenden Sonne nachahmen. In wärmeren Ländern fungieren die Pillendreher als "Gesundheitspolizei", in dem sie den Kot von größeren Tieren in kürzester Zeit beseitigen und dabei Dungstoffe unter die Erde bringen.

 

Ameisen lindern Gicht

 

Eine herausragende Stellung kommt Insekten seit Jahrtausenden in der Volksmedizin zu, welche neben heute

absurd anmutenden oder gar ekelerregenden Rezepturen auf empirischem Wege auch durchaus effektive Verfahren hervorbrachte.

 

Zu den wohl wirkungslosen Anwendungen gehören die folgenden Beispiele: In der Oberpfalz stachen Fieberkranke 75 Löcher in ein Ei - man klassifizierte Fieber in 75 verschiedene Formen - und legten dieses in ein Ameisennest. Sobald das Ei von den Ameisen verzehrt war, galt der Kranke als geheilt (Wisniewski 1994). Ein weiteres Beispiel stammt aus der Steiermark: Dort trugen Schwindsüchtige früher bei Sonnenaufgang einen Topf mit einem Frosch in ein Ameisennest. Sobald dieser durch die Ameisen ganz abgenagt war, war der Kranke geheilt (Biegeleisen 1929). Ameisen lebend genossen sollen als Aphrodisiakum gewirkt haben.

 

Neben den Ameisen fanden auch Ameisengäste wie Rosenkäfer der Gattung Potasia, deren Larven sich in Ameisennestern entwickeln, in der Volksmedizin Verwendung. Diese galten als wirksames Mittel gegen Tollwut (Schultz 1897). Von den Hippokratikern wurde das Verschlucken von Raupen als Mittel gegen Mandelentzündung gepriesen. Die Wirkung all dieser Rezepturen dürfte wohl am ehesten auf psychosomatischer Ebene gelegen haben.

Neben den Ameisen fanden auch Ameisengäste wie Rosenkäfer der Gattung Potasia, deren Larven sich in Ameisennestern entwickeln, in der Volksmedizin Verwendung. Diese galten als wirksames Mittel gegen Tollwut (Schultz 1897). Von den Hippokratikern wurde das Verschlucken von Raupen als Mittel gegen Mandelentzündung gepriesen. Die Wirkung all dieser Rezepturen dürfte wohl am ehesten auf psychosomatischer Ebene gelegen haben.

 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel des Einsatzes von Ameisen in der Medizin ist ihre Verwendung als chirurgische Klammern. Hierbei finden vielfach Arten der tropischen Gattung der Weberameisen (Oecophylla) Verwendung, die sich durch zangenartig differenzierte, große Kiefer auszeichnen. Das Verfahren ist einfach. Man setzt die Tiere, die beim Ergreifen die Kiefer spreizen, so an, dass sie beide Wundränder erfassen und zubeißen. Anschließend wird durch "Abdrehen"des Restkörpers die Klammer gewissermaßen arretiert - die Kiefer der isolierten Köpfe verbleiben als "Wundklammer". Diese Methode wird heute noch von Eingeborenen tropischer Länder praktiziert.

 

Maden- und Fiebertherapie

 

Oftmals ergaben sich aus schon wissenschaftlich zu nennender Analyse von zunächst unerwünschten Phänomenen Erkenntnisse, deren praktische Anwendung den Behandlungserfolg verbesserten. Ein Beispiel in dieser Hinsicht sind die Maden bestimmter Fliegen, die regelmäßig in den Wunden unversorgter Verletzter auf den Schlachtfeldern auftraten. Der Leibarzt Napoleons beobachtete in Ägypten erstmalig, dass derartig infizierte Wunden schneller und mit größerem Erfolg heilten als solche, in denen keine Maden vorkamen. Diese Maden - namentlich solche der auch Goldfliegen genannten Gattung Lucilia (Calliphoridae, Schmeißfliegen) - begünstigen durch Abgabe von Ammoniak und Allantoin die Wundheilung. Zudem nehmen sie zu ihrer Ernährung nur totes Gewebe auf. Dies war der Anlass, sie in und nach dem Ersten Weltkrieg gezielt als Therapie gegen Gasbrand und Knochenmarkentzündung einzusetzen.

 

Mit dem Aufkommen der Sulfonamide und des Penicillins standen dann neuere Mittel zur Verfügung und der Fortschritt in der Madentherapie kam zum Erliegen. In neuerer Zeit erlebt die Madentherapie eine Renaissance, da deren Wirksamkeit gegen Wundinfektionen anerkannt wurde.

 

Die Kermes-Schildlaus (Kermes ilicis, Kermes vermilio), die in Südeuropa und Vorderasien vor allem an Kermeseichen saugt, wurde neben ihrer Verwertung zur Herstellung des roten Farbstoffs "Karmesinrot" auch als Droge genutzt. Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert stellte sie das wichtigste herzstärkende Mittel dar.

 

Käfer stärken die Liebeslust

 

Von jeher wurden alle nur erdenklichen Möglichkeiten zur Stärkung der Liebeskraft genutzt, und so verwundert es nicht, dass hierzu auch Insekten herangezogen wurden. Berühmt bis in unsere Tage wurden dabei die Ölkäfer (Abb. 1), insbesondere die "Spanische Fliege", die allerdings auch zu anderen Zwecken verwendet wurde. Dem großen Gelehrten Albertus Magnus (etwa 1193-1280) waren diese Käfer bekannt, die er in seiner "De animalibus libri XXVI (um 1262) folgendermaßen beschreibt: "Cantarides sindt grüne goldt kefferlein/die gleissendt vast schön/erhalten sich unnd wachsen auff den höchsten ästen der äschenbeum/und auch derer beum auß der feuchtigkeit der bletter welcher sie sich erneren/und dieselbigen zu ihrer speiß zernagen und fressen/wie die Rauppen... Denn so man diese kefferlein uberbindet auff ein glied/so brennen sie grosse blasen auff/und sind derhalben in mancherlei gebrechen vast nutzlichen zu gebrauchen. " (Ins Deutsche übertragen von H. W. Ryff, 1545).

 

Das in der Hämolymphe der Käfer enthaltene Gift fand, wie Albertus bereits anführt, vielfältige Anwendung: außer als Zutat in Aphrodisiaka sowohl in der Volksmedizin als auch bei Giftmorden. Nahezu alle europäischen Arten der Ölkäfer (Meloidae) enthalten Cantharidin, das von den Käfern selbst synthetisiert wird und ihnen als Schutz vor Fressfeinden dient. Gewonnen wurde und wird diese Substanz insbesondere aus Arten der auch als "Pflasterkäfer" bezeichneten Ölkäfer-Gattung Lytta, wobei hier besonders Lytta vesicatoria, die oben erwähnte "Spanische Fliege" eine Rolle spielt.

 

Primär ruft Cantharidin Reizungen und Entzündungen der Haut und Schleimhaut sowie der Körperteile hervor, in die es nach der Resorption gelangt, zum Beispiel der Nieren, deren zum Tode führende Erkrankung es leicht herbeiführt. Es reizt auch die Geschlechtsorgane und das Zentralnervensystem. Cantharidin wurde von der Antike bis zum Mittelalter in verschiedenen Rezepturen gegen nahezu alle bekannten Krankheiten als Universalheilmittel verabreicht: bei Rheumatismus, Tollwut, Tuberkulose, Pest und Rippenfellentzündung, Erkrankungen des Urogenitaltraktes, als Wurmmittel und Abortivum (Berenbaum 2004). Bereits im Spätmittelalter ging jedoch die Verwendung dieser Substanz in der Heilkunde zurück, lediglich die Anwendung als "Blasenziehendes Pflaster" ist bis heute erhalten geblieben. Seine Hauptbedeutung hatte und hat Cantharidin bis in die heutige Zeit als Aphrodisiakum, allerdings in starker Verdünnung. Im Rom der Antike war das Gift als Bestandteil von "Liebes-getränken" offenbar sehr verbreitet, denn die römischen Gesetzgeber erließen eine Verordnung, die den gewöhn-lichen Salbenhändlern ("pigmentarii") den Verkauf dieser Droge untersagte (Escherich 1894). Heutzutage ist in einschlägigen Läden unter der Bezeichnung "... mit Spanischer Fliege" ein allerdings als homöopathisch zu klassifizierendes Präparat erhältlich.

 

Pfeilgifte der Buschmänner

 

Wie bereits erwähnt, bringen Insekten nicht nur Heilung, sondern auch Tod. Die Buschmänner der Kalahari gewinnen ein Pfeilgift aus verpuppungsreifen Larven bestimmter Blattkäferarten oder aus solchen von Laufkäferarten, die an ersteren parasitieren. Die ausgewachsenen Larven dieser Käfer graben sich zu Ende der Regenzeit tief in den Boden und fertigen einen Kokon aus Sandkörnern, wobei sich im selben Jahr immer nur wenige zu erwachsenen Tieren entwickeln. Die Mehrzahl bleibt für einen mehr oder weniger langen Zeitraum im Ruhestadium. Somit stehen den Buschmännern das ganze Jahr über frische Larven zur Verfügung. Eine Methode zur Gewinnung des Giftes ist das Ausquetschen der Larven, die Tropfen werden direkt auf die Pfeile appliziert. Allen Pfeilgift-Larvenarten gemeinsam ist die Erregung schwerer blutiger Entzündungen, Blutzersetzung und die Veränderung der Kapillarwände.

 

Insekten in Kunst und Literatur

 

Insekten faszinierten auch Künstler. Der niederländische Maler Hieronymus Bosch (1462-1515) stellt auf dem linken Flügel seines Triptychons "Das Jüngste Gericht" (Wien, Akademie der bildenden Künste) die gefallenen Engel als Insekten dar. Die abtrünnigen Engel stürzen aus einer großen Wolke auf den Garten Eden zu. Im Herabstürzen verwandeln sie sich immer deutlicher zu buntschillernden Insekten, die den kämpfenden Erzengel Michael umschwirren. Auch in seinem Triptychon "Der Heuwagen" (Madrid, Escorial) erscheinen sie als Allegorie der Vergänglichkeit und Sündigkeit. In Franz Kafkas beängstigender Erzählung "Die Verwandlung" findet sich Gregor Samsa eines Morgens in einen Mistkäfer verwandelt. In seiner neuen Erscheinungsform von niemandem mehr akzeptiert, wird er misshandelt und stirbt schließlich.

 

Ausblick

 

Weltweit sind inzwischen ca. 1 Million Insektenarten der Wissenschaft bekannt (Gleich et al.), doch Untersuch-

ungen in Regenwäldern weisen darauf hin, dass die Zahl der bislang noch unbekannten Spezies um ein Vielfaches höher liegt. Bedenklich ist die Tatsache, dass es immer weniger Entomologen gibt, Spezialisten, die sich mit einer Insektengruppe wirklich auskennen. Somit wird vielleicht in einigen Jahrzehnten kaum jemand mehr ein Insekt im Garten mit Namen benennen können, und das in einer Zeit, in der eine Gruppe um den Gießener Entomologen Vilcinskas einen hoffnungsvollen Ansatz verfolgt. Er analysiert verschiedenste, aus Insektenarten extrahierbare Substanzen hinsichtlich ihrer Eignung für Probleme des menschlichen Alltags.

 

 

Literatur

 

Albertus Magnus (um 1262): de animalibus libri XXV. – 854 S., Köln.

Berenbaum, M.R. (2004) : Blutsauger, Staatsgründer, Seidenfabrikanten. – 526 S., München.

Biegeleisen. H. (1929): Heilkunde des polnischen Volkes (in polnisch). 407 S., Krakow.

DU (1993): Die Zeitschrift der Kultur 4, Kreucher und Fleucher. Die nächsten Nachbarn. Zürich.

Escherich, K. (1894): Beiträge zur Naturgeschichte der Meloidengattung Lytta Fabr. Verh. zool.-bot. Ges. Wien 44. 251-298.

EttmülleR. M. (1771): Kurtzer begriff der gantzen Arzney-Kunst. Leipzig.

Gleich, M., Maxeiner, D., Miersch, M. & N. Fabian (2002): Life counts – Eine globale Bilanz des Lebens. – 287 S., Berlin.

Helmcke, J.-G., Starck, D. & Wermuth, H. (l968): Handbuch der Zoologie, Band 2. l. Teil: Allgemeines. 10. Insekten als Nahrung, in Brauchtum, Kult und Kultur. 62 S., Berlin.

Ryff, H.W. (1515): Thierbuch Alberti Magni. Frankfurt.

Schultz, O. (1897): Die Insekten in ihrer Verwendung als Arznei-, Speise-und Färbemittel. III. Woch. Ent. 2, 481-485. 519-52

Wisniewski, J. (1993): Gebrauch von Ameisen in der Volksmedizin. Ameisenschutz aktuell 2/93.

Wisniewski, J. (1994): Kurpfuscherei mit Ameisen. Ameisenschutz aktuell 4/94.