Der Habicht ist „Vogel des Jahres 2015“

Der Habicht - Ein verfolgter Jäger

Text: NABU mit Ergänzungen von Hermann Schmaus, Michael Kuhn und

Wilhelm von Dewitz


Der NABU und sein bayerischer Partner, der Landesbund für Vogelschutz (LBV), haben den Habicht (Accipter gentilis) zum „Vogel des Jahres 2015“ gewählt. Auf den Grünspecht, Vogel des Jahres 2014, folgt damit ein Greifvogel, der wie viele andere seiner Verwandten immer noch der illegalen Verfolgung ausgesetzt ist, obwohl die Jagd auf den Habicht seit den 1970er Jahren verboten ist.

 

„Illegal abgeschossene, vergiftete oder gefangene Habichte sind nach wie vor trauriger Alltag. Es gibt immer noch einzelne Jäger, die ihn als Konkurrenten bei der Jagd auf Hasen und Fasane sehen. Auch bei Geflügel- und Taubenzüchtern ist der Habicht besonders unbeliebt. Jährlich stellen Polizisten und Tierschützer in Deutschland Habichtfangkörbe sicher – viele davon in der Nähe von Taubenhaltungen“, sagte NABU-Vizepräsident Helmut Opitz.

 

„Illegale Greifvogelverfolgung ist kein Kavaliersdelikt“, so die Verbände. NABU und LBV fordern, dass entsprechende Straftaten systematisch erfasst, aufgeklärt und angemessen geahndet werden. Als Vorbild ist hier die Stabsstelle zur Bekämpfung von Umweltkriminalität in Nordrhein-Westfalen zu nennen. Seit 2005 widmet sie sich unter anderem der Eindämmung illegaler Greifvogelverfolgung. Die im Umweltministerium angesiedelte Einrichtung arbeitet intensiv mit den Polizeibehörden zusammen, um eine konsequente Strafverfolgung zu ermöglichen.

 

NABU und LBV sprechen sich dafür aus, neben der Benutzung auch den bislang erlaubten Verkauf von Habichtfangkörben zu verbieten. In der Umgebung von Greifvogelnestern müssten Horstschutzzonen eingerichtet werden, in denen Forstwirtschaft und Jagd vor allem während der Brutzeit zwischen März und Juni ruhen sollten, so wie dies in einigen Bundesländern bereits gesetzlich vorgesehen ist. Das Aushorsten von jungen Habichten in freier Natur für die Falknerei sollte nicht mehr zugelassen werden.

 

Beobachtungen zu illegaler Greifvogelverfolgung sollten der Stabsstelle Umweltkriminalität gemeldet werden:

Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW

Stabsstelle Umweltkriminalität

Schwannstraße 3

40476 Düsseldorf

Tel. 02 11-45 66-473 oder -407

E-Mail: stabuk@mkulnv.nrw.de

 

Aussehen und Stimme

Der meist scheue Waldvogel führt häufig ein eher verstecktes Leben. Oft ist er nur für Sekunden während seiner Jagdflüge zu sehen. In der Größe ist er mit einem Bussard vergleichbar, wobei der Habicht kräftiger aussieht und im Flug gut an seinem langen Schwanz zu erkennen ist. Die breiten und relativ kurzen, abgerundeten Flügel sind bei erwachsenen Tieren grau gefärbt. Die Unterseite ist hell mit schmalen, schwarzen Querstreifen gebändert oder „gesperbert“. Typisch sind der helle Überaugenstreif und die gelb bis orange gefärbte Iris. Bei älteren Habichten steigert sich die Farbe bis ins Rubinrote. Junge Habichte tragen ein graubraunes Gefieder. Ihre Unterseite ist nicht gesperbert, sondern zeigt ein Tropfenmuster. Die Partner eines Habichtpaares unterscheiden sich vor allem in ihrer Statur. Wie bei den meisten Greifvögeln sind weibliche Tiere deutlich größer und schwerer. Der Körperbau des Habichts ist perfekt an schnelle Kurzstreckenflüge angepasst: Seine kraftvolle Muskulatur macht ihn zum überlegenen Schnellstarter. Außerhalb der Brutzeit sind Habichte kaum zu hören. Während der Balz ab Februar ertönen am Nest sowie bei Störungen erste längere “kja-kja-kja ...“-Rufreihen, die mehrere hundert Meter weit reichen. Mit einem kurzen „gjak“ oder „gjik“ verständigen sich Habichtpaare untereinander.

 

Verhalten und Lebensweise

Habichte paaren sich im Spätwinter, bei günstigen klimatischen Bedingungen schon im November und Dezember. Mit etwas Glück ist in dieser Zeit ihr spektakulärer Balzflug zu sehen. Hat sich ein Habichtpaar gefunden, baut es seinen Horst in der Astgabel eines hohen Baumes. Entweder wird dabei ein neuer angelegt oder ein bestehender aufgestockt. Ältere Horste können deswegen bis zu einem Meter hoch werden und 130 Zentimeter Durchmesser erreichen. Die meisten Paare richten sich in ihrem Revier mehrere Wechselhorste ein, zwischen denen sie von Jahr zu Jahr umziehen.

 

Von Mitte März bis April legt das Weibchen drei bis vier Eier. Nach etwa 27 bis 39 Tagen schlüpfen die Jungvögel. Das Männchen versorgt die ganze Familie bis zu drei Wochen allein mit Nahrung, während das Weibchen den Nachwuchs betreut. Ist das Gefieder der Jungvögel ausgewachsen, endet die so genannte Nestlingszeit. Mit 40 bis 45 Tagen sind die jungen Habichte flugfähig, halten sich jedoch zunächst in Horstnähe auf. In dieser Phase, der Ästlingszeit, füttern Habichte ihre Jungen weiterhin bis zu vier Wochen. Im Laufe des Sommers löst sich der Familienverband schließlich auf: Die Jungvögel verlassen im Alter von zwei bis drei Monaten das Revier ihrer Eltern.

Die Beuteliste des Habichts ist sehr lang und vielseitig: Als „Nahrungsopportunist“ frisst er, was in seinem Revier zahlreich vorkommt. So kann sich die jeweilige Hauptbeute von Revier zu Revier durchaus unterscheiden. Fast ausschließlich bevorzugen die geschickten Jäger lebende Beute. Nur bei knappem Angebot greift er auch mal auf Aas zurück.

 

Lebensraum, Verbreitung und Bestand

Habichte mögen abwechslungsreiche Landschaften. Für den Bau ihrer Nester bevorzugen sie hohe, alte Bäume in größeren Nadel- und Mischwäldern. Der geschickte Flieger jagt im Wald, auf Feldern sowie in offenen Landstrichen - Hauptsache, Hecken oder Gebüsche bieten genügend Deckung. Entgegen seinem Ruf als scheuer Bewohner ausgedehnter dichter Wälder ist der Habicht eigentlich anpassungsfähiger Opportunist. Inzwischen hat er nämlich entdeckt, dass es sich auch im Trubel der Städte gut leben lässt. Das Nahrungsangebot ist das ganze Jahr über gesichert, gibt es hier doch eine große Zahl von Straßen- und Ringeltauben, Krähen oder Elstern. Vor allem aber droht ihm kaum Gefahr durch menschliche Verfolgung.

Der Jahresvogel hat sich sogar in einigen deutschen Großstädten niedergelassen. Auch einige europäische Metropolen wie Amsterdam, Kiew, Moskau oder Riga haben sich Habichte bereits erschlossen. Besondere Bekanntheit hat inzwischen die Habicht-Population im Großraum Berlin erreicht. Mit etwa 100 Brutpaaren auf einer Fläche von gut 892 Quadratkilometern im Jahr 2014 ist dies eine der höchsten Siedlungsdichten von Habichten weltweit. In Köln brütete ein Habichtpaar in einem Park – nur wenige Meter von einem fünfstöckigen Wohnhaus entfernt. Vergleichbare Meldungen gibt es auch aus anderen Großstädten.

 

Das Verbreitungsgebiet der Habichte erstreckt sich wie ein breiter Gürtel von Europa quer durch das nördliche Asien bis nach Nordamerika. Der europäische Bestand wird auf 185.000 Brutpaare geschätzt; genaue Zahlen zum Weltbestand sind jedoch nicht verfügbar. Ob Norwegen oder Türkei: Nahezu ganz Europa ist von Habichten besiedelt. Der nationale Bestand wird im neuen deutschen Brutvogelatlas ADEBAR auf 11.500 bis 16.500 Brutpaare geschätzt. Somit leben etwa sieben bis acht Prozent des gesamteuropäischen und sogar gut zwanzig Prozent des EU-Bestandes bei uns. Im Durchschnitt werden in Deutschland etwa sechs Brutpaare auf 100 Quadratkilometern gezählt.

 

 

Die Ornithologen des NABU Rhein-Erft bestätigen für den Rhein-Erft-Kreis einen stabilen Habicht-Bestand in den letzten 15 Jahren. Aktuell wird von ca. 30-40 Brutpaaren im Rhein-Erft-Kreis ausgegangen. Davon kommen ca. 5-7 Brutpaare im Bereich der Ville vor.

 

Besondere Brutvorkommen fanden Hermann Schmaus und Wilhelm von Dewitz im Park von Schloss Türnich und im Brühler Schlosspark. In den Jahren 2011 und 2012 hat die Art sogar mitten in einer Wohnsiedlung in Erftstadt-Lechenich, in einer halbtoten Konifere, gebrütet - beide Jahre leider erfolglos. Um Schloss Eichholz in Wesseling kann Wilhelm von Dewitz auf 15 Hektar eine Habichtbrut sowie drei Brutpaare von Mäusebussarden verzeichnen, was für eine sehr hohe Siedlungsdichte steht.

 

Am Franziskussee konnte Michael Kuhn beobachten, dass sich der Habicht während 2 Jahren im Frühsommer von noch nicht flüggen Sturmmöwen ernährte. Auf der ehemaligen Deponie Vereinigte Ville in Erftstadt-Liblar hat der Habicht vor 2005 auch Großmöwen angegriffen und mit viel Schwierigkeiten geschlagen. An den Klärteichen Bedburg hat ein Habicht sogar eine weibliche Löffelente auf dem Wasser erbeutet.

 

 

Ursprünglich war der Habicht ein häufiger Brutvogel in Deutschland. Vermutlich nahmen die Bestände seit dem 16. Jahrhundert mit der Verfolgung des Habichts als „Konkurrent“ um das Niederwild ab. Nach 1945 stiegen die Bestände aufgrund der kriegsbedingten Jagdruhe bis Anfang der 1950er Jahre an, gingen jedoch nach Wiederaufnahme der Jagd erneut zurück. Durch Einführung einer ganzjährigen Schonzeit – zunächst im Osten, später im Westen Deutschlands – erholten sich die Bestände seit den 1970er Jahren vielerorts wieder. Die Bestandsentwicklung des Habichts ist damit wie ein Spiegel, welcher den jeweiligen Grad der Verfolgung durch den Menschen zeigt.

 

Derzeit sind die Bestände in Deutschland zwar nicht flächendeckend gefährdet: Nur in Bayern steht der Habicht momentan als gefährdet auf der Roten Liste, in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen auf der Vorwarnliste. Die Ampel steht jedoch keineswegs auf grün! Lokal verschwindet der Habicht aus manchen Gebieten oder ist im Vergleich zu ähnlichen Gegenden unerklärlich selten. Es gibt viele Anzeichen, dass Habichtbestände noch immer nicht die Höhe erreichen, welche sie ohne menschliche Verfolgung hätten.