Aus dem Leben der Eisvögel


                                               von Wilhelm von Dewitz


Wenn er auf überhängenden Ästen am Gewässerufer reglos nach Fischen späht, ist er praktisch unsichtbar. Erst wenn er pfeilschnell dicht über der Wasseroberfläche dahinfliegt, sieht man ein türkisblaues Aufblitzen, hört vielleicht noch ein scharfes„tieht, tieht“ und schon ist er weg. Wer den spatzengroßen Eisvogel einmal genauer beobachten konnte, ist von seiner Farbenpracht begeistert. Das Rückengefieder kann bei vollem Licht blaugrün schillern und im Halbdunkel zu Ultramarin oder Azurblau wechseln. Das orangerote Bauchgefieder bildet dazu einen wirkungsvollen Kontrast. Vermutlich haben seine schillernden Farben auch zur deutschen Namensgebung geführt. Das althochdeutsche Wort „eisan“ bedeutet schillern, glänzen. Eine weitere Erklärung gäbe das Wort „isarno“ für Eisen wegen des stahlblauen Rückengefieders und dem rostroten Bauch. Seinen Namen mit Eis in Verbindung zu bringen gibt keinen Sinn, denn Eiseskälte ist für ihn lebensfeindlich. Einige unserer Nachbarländer nennen ihn schlicht Fischfänger: im Englischen heißt er Kingfisher, im Französischen Martin pêcheur, im Italienischen Martin pescatore. Nur die Holländer nennen ihn wie wir Ijsvogel.

 

Der Eisvogel brütet ab Ende März oder Anfang April in meist selbst gegrabenen Brutröhren in Lehm- oder Sandwänden steiler Uferböschungen, gelegentlich auch im Wurzelteller eines umgestürzten Baumes. Dabei erweist sich der Eisvogelals ein geschickter „Tunnelbauer“. Mit dem Bau der Niströhre beginnt das Männchen, in dem es im Rüttelflug mit dem dolchartigen Schnabel Erde aus der Steilwand sticht. Ist ein Absatz hergestellt, kann er stehend weiterstochern. Das Weibchen hilft beim Graben. Emsig scharrt man mit den kleinen Füßen die abgestochene Erde hinter sich. Das Ausräumen des Bauschuttes besorgt im Rückwärtsgang der wie ein abgerundeter Spaten geformte kurze Schwanz. So entsteht in sechs bis zehn Tagen eine leicht ansteigende, acht Zentimeter hohe und 60 bis 80 Zentimeter lange Röhre, die am Ende zu einem Brutkessel aufgeweitet wird. Dahinein legt das Weibchen meist sieben Eier, eines an jedem Tag. Die Brutzeit dauert etwa 20 Tage. Nach dem Schlüpfen werden die Nestlinge rund 25 Tage von beiden Eltern gefüttert. Dabei sitzen die Küken kreisförmig im Kessel, nur eines hat den Kopf dem Licht am Ende des Tunnels zugewandt. Hat es den vom Altvogel mit dem Kopf voran gereichten Fisch verschlungen, dreht es sich um und spritzt den dünnflüssigen Kot dem Licht zu in die Röhre. Sodann rückt das Eisvogelkarussell einen Platz weiter, das nächste Küken nimmt die Futterstelle ein. So geht es reihum. Nach der Nestlingszeit werden die flüggen Jungvögel nur noch wenige Tage von den Eltern gefüttert und dann aus dem Brutrevier vertrieben. Möglicherweise wollen die Eltern gleich mit einer zweiten Brut beginnen. Nur wenige Eisvögel bleiben in der  Nähe des Geburtsortes. Andere entfernen sich über 100 Kilometer und mehr. Der Eisvogel gilt daher als Stand-, Strich- und Zugvogel.

 

Das Leben der Eisvögel ist kurz. Rund 80 Prozent der unerfahrenen Jungvögel kommen schon im ersten Lebensjahr zu Tode. 70 Prozent der erwachsenen Eis-vögel sterben in Verlaufe eines Folgejahres. Die wenigsten dieser Vögel werden älter als 3 Jahre. Dies haben Beringungen der Vogelwarte Hiddensee ergeben. Die häufigsten Todesursachen sind Kollisionen mit Glasscheiben, Fahr-zeugen, Drähten, sowie das Ertrinken bei Hochwasser, Verfolgung durch Beutegreifer, Nahrungsmangel durch Witterungseinflüsse (Wassertrübung infolge Bodenabschwemmung, Dauerregen, Kälte). Der älteste lebende „Hiddensee-Eisvogel“ wurde im 13. Lebensjahr kontrolliert, eine außergewöhnliche Seltenheit. >> weiterlesen