Man hat lange vermutet, dass die Wärme selbst die Schmetterlingsmücken an den Blütenstand lockt. Versuche mit beheizten Attrappen haben dies jedoch widerlegt (Knoll 1926). Es zeigt sich vielmehr, dass die Wärme dazu dient, Duftstoffe von harnähnlichem Geruch aus dem Spadix zu verdampfen. Psychoda wird auf Grund ihrer Vorliebe für derartige Gerüche häufig in verschmutzten Toiletten angetroffen und deshalb auch als Abortfliege bezeichnet. Bald nach Beginn des Temperaturanstiegs und der damit verbundenen Duftentwicklung beobachtet man auch den Anflug der ersten Tiere (Abb. 3).

 

Das Abgleiten in den Kessel

Schmetterlingsmücken bewegen sich sowohl an unebenen Wänden als auch an glatten Fensterscheiben mit erstaunlicher Sicherheit aufwärts. Diese Fähigkeit beruht auf besonderen Einrichtungen an ihren vordersten Fußgliedern. Für die Verankerung auf rauen Flächen sind paarige Krallen verantwortlich, während unpaare Haftscheiben den Halt auf spiegelglattem Untergrund vermitteln (Abb. 2). Dennoch gleiten die Tiere bald, nachdem sie auf der Spatha gelandet sind, in den Kessel hinab. Offensichtlich macht der Aronstab die Haltevorrichtungen an den Füßen der Tiere unwirksam. Ein Blick mit dem Mikroskop auf die innere Ober-fläche der Spatha offenbart das Geheimnis. Dachziegelförmig nach unten gerichtete Epidermiszellen bieten den Krallen keinen Halt und die Haftscheibe wird durch zahlreiche Öltropfen außer Kraft gesetzt. Gleiches widerfährt solchen Tieren, die sich auf dem Spadix niederlassen. Der Absturz in den Kessel ist damit unabwendbar.

 

Gefangenschaft bei bester Versorgung

Die Gleitfalle des Aronstabs arbeitet sehr effektiv. Man hat bis zu 4000 Tiere in einem Kessel gezählt (Hess 1983). Einige Schmetterlingsmücken haben sicherlich schon einen Aufenthalt in einem anderen Aronstab-Kessel hinter sich und wurden dort mit Pollen beladen. Sie sind im Interesse der Pflanzen Gefangene auf Zeit, sollen der Bestäubung dienen und werden dement-sprechend pfleglich behandelt. Zwischen den Narbenhaaren der jetzt empfangsbereiten weiblichen Blüten erscheinen Flüssigkeitstropfen, die von den Tieren als Nahrung angenommen werden. Dabei erfolgt die Bestäubung.

 

Schließlich kommt die Flüssigkeitsproduktion zum Stillstand, die restlichen Tropfen werden vom Fruchtknoten resorbiert und die Narbenhaare der bestäubten Blüten welken. Im Sinne der Vermeidung von Selbstbestäubung und einer Förderung von Fremdbestäubung öffnen sich erst jetzt die männlichen Blüten und pudern die Tiere mit ihrem herab rieselnden Pollen ein.

 

Anschließend welken Spadix und Spatha und geben damit den Krallen an den vordersten Fußgliedern der Schmetterlingsmücken wieder Halt. Die Tiere verlassen ihr vorübergehendes Gefängnis und landen mit einiger Wahrscheinlichkeit am kommenden Spätnachmittag pollenbeladen im Kessel eines frischerblühten Aronstabs.

 

Als Ergebnis korallenrote Beeren

Die Bestäubung des Aronstabs ist nicht nur ein ungewöhnlich komplexer, sondern auch ein sehr effektiver Vorgang. Hiervon kann man sich im Spätsommer überzeugen, wenn die befruchteten weiblichen Blüten zu korallenroten Beeren herangereift sind (Abb. 1b).

 

Zum Abschluss Gift und Zauber

Der Aronstab ist eine der giftigsten Pflanzen unserer heimischen Flora. Alle Teile, von den roten Beeren über die frischen Blätter bis zum frischen Wurzelstock enthalten das giftige Aroin (Altmann 1980). Dennoch war der Aronstab in vergangenen Zeiten Bestandteil des Speiseplans. Dies galt besonders für den stärkehaltigen Wurzelstock, der solange gekocht wurde, bis das Gift zerstört war. In der türkischen Küche sollen nach entsprechender Vorbehandlung die Blätter heute noch Verwendung finden. Als Heilpflanze wurde der Aronstab gegen Magenkrankheiten und Lungenleiden eingesetzt (Schwind 1981). Schließlich wird es niemanden wundern, dass eine so merkwürdige Pflanze auch zum Handwerkszeug der Zauberei wurde. Man sagte, sie vertreibe böse Geister und verhindere Angstträume. Der Kundige könne aus der Ausbildung des Spadix den Ausgang der Getreideernte vorhersagen. Der Zustand der Reuse erlaube Rückschlüsse auf die Heuernte und die Form der männlichen Blüten ermögliche Prophezeiungen über die bevorstehende Obsternte.

 

Literatur

Altmann, H. (1980): Giftpflanzen – Gifttiere. - München.; Haller, B. & W. Probst (1981): Botanische Exkursionen. Band II. Exkursionen im Sommerhalbjahr. – Stuttgart.; Hess, F. (1983): Die Blüte. – Stuttgart.; Knoll, F. (1926): Die Arum-Blütenstände und ihre Besucher. – Abhandlungen der zoologisch-botanischen Gesellschaft Wien 12, 381-481. Wien.; Meeuse, E.J.D. (1978): The physiology of some sapromyophilous flowers. – In: Richards, A.J. (eds.): The pollination of flowers by insects. – London.

Schwind, W. (1981): Der gefleckte Aronstab. – Heimatjahrbuch des Kreises Daun 1, 114-118. Daun.


Autoren:

Dr. Klaus Cölln, Andrea Jakubzik - Arbeitsgemeinschaft für Faunistik,
Biodiversität & Siedlungsökologie, Bismarckstr. 90, 51373 Leverkusen


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Abb. 1:  Der Aronstab Arum maculatum (a: blühende Pflanze. b: fruchtende Pflanze).

Abb. 2:            Die Gleitfalle des Aronstabs  (verändert nach Haller & Probst 1981).


Abb. 3:            Veränderung im Spadix des Aronstabs während der Blühphase: Temperaturdifferenz zur Umgebung (Kurve), Abnahme des Trockengewichtsanteils am Frischgewicht (Säulen).