Der Aronstab fängt sich seine Bestäuber

Eine Pflanze mit biblischem Namen

von Andrea Jakubzik und Dr. Klaus Cölln

 

Jedes Jahr im April oder Mai erblüht eine ganz bemerkenswerte Pflanze, die schon die Botaniker der Antike fasziniert haben muss. Sie benannten dieses Gewächs nach dem Wanderstab des Aron, der sich, vor den Thron des Pharao geworfen, in eine Schlange verwandelte (2. Mose 7). Linné (1707-1778), der Begründer der modernen biologischen Systematik, über-nahm diese Bezeichnung und ordnete die Pflanze unter dem Namen Arum maculatum ein. Man findet den nicht seltenen Aronstab in schattigen Buchenwäldern auf feuchten und nährstoffreichen Böden. Er wird aber auch bei entsprechenden Bedingungen in Parks und an Heckenrändern angetroffen.

 

Ein Blütenstand von ungewöhnlichem Bau

Der Aronstab ist von merkwürdigem Aussehen (Abb. 1a). Über die pfeil-förmigen, gefleckten Blätter ragt ein besonders gebauter Blütenstand hinaus, der von einem aufrechten, blassgrünen Hüllenblatt, der Spatha, umschlossen ist. Diese entfaltet sich nur in ihrem oberen Abschnitt und gibt dann das kolbenförmig verdickte, blauviolette Endstück der Blütenstandachse, den Spadix, frei. Im unteren Teil bleibt die Spatha fest eingerollt und bildet einen bauchig aufgetriebenen Kessel. Schneidet man den Kessel einer frisch erblühten Pflanze auf, so kann man einen Blick auf die stark reduzierten eingeschlechtlichen Blüten werfen, die in zwei Gruppen angeordnet sind (Abb. 2). Ganz unten sitzen die weiblichen Blüten, dann folgen über einige Borsten die männlichen Blüten, über denen ein weiterer Ring von Borsten ein mehr oder weniger dichtes Gitter zwischen Spadix und Spatha bildet. Die jeweils ringförmig angeordneten Borsten sind umgewandelte, sterile Blüten. Insgesamt gesehen ist der Blütenstand des Aronstab ein recht komplexes Gebilde. Man fragt unwillkürlich nach dem Sinn dieser Architektur.

 

Eine perfekte Kesselfalle

In der Schule oder auf Naturführungen lernt man, dass der Aronstab eine Insektenfalle ist. Dabei wird dann demonstriert, dass ältere Blütenstand-kessel zahlreiche kleine, fliegenartige Tiere enthalten. Selten genug wird jedoch dargestellt, wie äußerst raffiniert diese Kesselfalle im Dienste der Bestäubung arbeitet. Deshalb soll das hier geschehen.

 

Die Anlockung der Insekten

Im Inneren eines Aronstab-Kessels sammeln sich nur ganz bestimmte Insekten. Die überwiegende Mehrheit von ihnen gehört zur Gattung Psychoda aus der Familie der Schmetterlingsmücken (Psychodidae). Es stellt sich die Frage, wie es zu dieser selektiven Anlockung von Insekten kommt.

Nur kurze Zeit, nachdem sich am späten Nachmittag die Spatha geöffnet hat, entwickelt der Spadix eine fühlbare Wärme. Seine Temperatur steigert sich nach und nach und erreicht schließlich Werte, die bis zu 15° C über der Umgebungstemperatur liegen können (Abb. 3). Die Energie für diesen Vorgang liefert die Stärke, die im Spadix gespeichert ist. Sie wird innerhalb einer Nacht praktisch „verheizt“. Das wird u.a. an dem stark sinkenden Anteil des Trockengewichts am Frischgewicht des Spadix deutlich (Abb. 3). Die ablaufenden Stoffwechselprozesse sind in ihrer Intensität vergleichbar mit denen eines fliegenden Kolibris (Meeuse 1978).  weiterlesen