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Vorwort der Vorsitzenden zum Jahr 2009

 

Liebe Leserinnen und Leser!.

Jeder engagierte Naturschützer hat es schon mal erlebt: Sobald er in seiner Argumentation auf den notwendigen Schutz bedrohter Pflanzen oder Tiere hinweist oder nur den Erhalt eines Lebensraums fordert, kommt fast automatisch aus irgendeiner Ecke die provokante Frage: „Und wo bleibt der Mensch?“ Ich pflege dann zu antworten: „Das Motto des NABU lautet: Für Mensch und Natur.“
Tatsache ist: Der Mensch ist Teil dieser Natur. Alles, was wir vorfinden, steht in Wechselbeziehungen zueinander. Wird eine Verbindung gekappt oder behindert, kann das weit reichende Folgen haben, letztendlich auch für den Menschen. Und diese Folgen sind nicht nur ideell. Wenn wir den Rückgang oder gar den Verlust einer Art beklagen, ist der Verlust an Artenvielfalt das eine.
G Wartenberg

Viel stärker wirkt sich aber der Verlust einer weiteren genetischen Ressource aus. Wer weiß schon, dass die Hälfte aller in Deutschland zugelassenen Medikamente lt. Bundesumweltministerium pflanzlichen Ursprungs ist, dass zehn der 25 weltweit erfolgreichsten Arzneien von Pilzen, Bakterien, Pflanzen oder Tieren stammen? Mit jeder aussterbenden Art könnte auch die Arznei für eine schwer zu heilende Krankheit verloren gehen. Die Forschung ist hier noch ganz am Anfang.
Experten gehen davon aus, dass der Weltmarktwert für pharmazeutische Produkte, die aus der Nutzung natürlicher genetischer Ressourcen stammen, zwischen 75 und 150 Mrd. Dollar pro Jahr liegt. Wohl gemerkt: Pro Jahr!

Dies ist nur ein Teilaspekt der Nutzung und Bewertung genetischer Ressourcen. Auch bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren sind die Ursprungsarten vor allem wegen ihrer Widerstandsfähigkeit von großer Bedeutung.

Damit sind wir beim Thema angekommen. Beim Weltgipfel für Nachhaltigkeit 2002 in Johannesburg beschlossen die Regierungschefs, bis 2010 einen signifikanten Rückgang des derzeitigen Biodiversitätsverlustes zu erzielen. Die weltweite Rote Liste weist mehr als 16.000 (!) gefährdete Arten auf. In nur 30 Jahren ist die durchschnittliche Artendichte um 40% zurückgegangen. Das nachzuweisen brauchen wir gar nicht weit zu gehen: Das Gebiet um das Umweltzentrum Friesheimer Busch in Erftstadt war noch vor 50 Jahren ein vielfältiger Lebensraum. Heute finden wir auf den umgebenden Äckern eine Monokultur mit extremer Artenarmut – selbst die vor einigen Jahren noch häufig anzutreffende Feldlerche ist kaum noch zu hören. Dagegen finden sich im angrenzenden Naturschutzgebiet „Ehemaliges Munitionsdepot Friesheimer Busch“ rund 1.000 Arten, die fast alle einmal im Umfeld auch vorkamen. Bleiben sie auf dieses Refugium beschränkt, ist trotz aller Bemühungen des NABU für ihren Erhalt ein Rückgang nicht auszuschließen. Nur Vernetzungen können ihren dauerhaften Erhalt sichern.

In Europa haben mehr als 500 Partner mit der Initiative Countdown 2010 ein Netzwerk aktiver Partner ins Leben gerufen, die die Ursachen des Biodiversitätsverlustes gemeinsam angehen. Seit 2007 ist der NABU Rhein-Erft Mitglied in diesem Netzwerk, und er hat beispielhaft drei Gebiete mit hoher Artenvielfalt, die er betreut, als Artenschutzprojekt gemeldet: Das NSG Ehemaliges Munitionsdepot Friesheimer Busch, die Lange Heide in Erftstadt-Bliesheim und die ehemalige Kiesgrube in Erftstadt-Herrig.
Diese Gebiete sind Leuchttürme für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Doch um den Artenrückgang wirklich aufzuhalten, muss mehr geschehen, an vielen Orten.

Und damit wäre ich wieder am Anfang meiner Ausführungen: Jeder Eingriff, jede Maßnahme muss in Zukunft viel stärker auf die ökologischen Folgen untersucht werden. Das Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Ökosystemen ist wesentlich komplexer als die bislang übliche Praxis von Eingriff und Ausgleich. Ganz gleich, ob Abgrabungen, Verkehrswege oder Baugebiete, die Auswirkungen sind immer erheblich, für Mensch und Natur.
Auch Forderungen im kommunalen Bereich, so genannten ungepflegten Wildwuchs zu entfernen, passen nicht in unsere Zeit. Gerade Wegränder sind wichtige Vernetzungsstrukturen und Refugien für viele Arten. In unserem direkten Umfeld, den Gärten, Parks und Anlagen hilft etwas mehr Großzügigkeit bei der Pflege unserer Natur. Manchmal macht man dabei auch überraschende, bereichernde Entdeckungen.
Darum: Lassen wir mehr Natur zu im Sinne von Countdown 2010.


Ihre
Unterschrift Vorsitzende

Gisela Wartenberg, Vorsitzende NABU Rhein-Erft e.V.

 

 

 

 

 

 

 

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