Europäische Spinne des Jahres 2009
Die Dreieckspinne Hyptiotes paradoxus (C.L. Koch, 1834)
Von John Osmani
Genau wie jedes Jahr ein Vogel oder auch andere Lebewesen zum Tier oder zur Pflanze des Jahres gewählt werden, wird jedes Jahr auch eine Spinne des Jahres proklamiert. Da dies aber immer erst am Ende des Jahres geschieht und der Redaktionsschluss für dieses NABU-Info schon im Spätherbst liegt, möchte ich die Spinne des Jahres 2009 kurz vorstellen.
Eine von Laien oft gestellte Frage in Bezug auf Spinnen lautet: „Ist die giftig?“ Jeder der sich mit Spinnen beschäftigt neigt daraufhin zu erläutern, dass im Grunde alle Spinnen giftig sind, wenn auch nicht unbedingt für uns Menschen.
Im Bezug auf die europäische Spinne des Jahres 2009 kann man sich nun allerdings die Antwort erheblich verkürzen, denn diese ist eine der wenigen Spinnen, die gar kein Gift besitzt und somit auch für niemanden giftig sein kann. Und dies ist nicht die einzige herausragende Eigenschaft, welche die Spinne des Jahres 2009 zu einem Kuriosum werden lässt, was ihr wohl auch den Artnamen „paradoxus“ oder „die Merkwürdige“ verlieh, und darüber lohnt es zu berichten.
Selbst Spinnenfreunden wird dieser kleine Waldgeist allerdings recht unbekannt sein, zumal wenn man sich vor Augen hält, dass der Winzling gerade mal 5 mm misst und eine nicht unbedingt sehr auffallende Lebensweise führt. Dies drückt sich dann auch in ihrem Gattungsnamen aus, er bedeutet so viel wie „die Träge auf dem Rücken liegende“.
Diese Lebensweise allerdings ist eine weitere Besonderheit und überaus effizient. Jedoch nicht ständig so träge wie man glauben mag, denn zum einen dient die Trägheit schlicht der Tarnung es Tieres und zum anderen ist sie ein Bestandteil des einmaligen und äußerst interessanten Beutefangverhaltens.
| Dreiecksspinne Foto: John Osmani |
Das ganze sieht in Praxis so aus, dass H.paradoxus ihr ca. 20 cm großes dreieckiges Teilnetz (welches ihr auch ihren Spitznamen gab), das aus lediglich vier radialen Spinnfäden besteht, quasi selbst in der Hand hält und sich mit ihrem ganzen Körper zwischen einem Signalfaden zum Netz und dem Anheftungsfaden hinter sich befindet. Obwohl das Spinnchen dadurch sehr offen erkennbar ist, wird sie durch ihre gedrungene Gestalt, ihre bräunliche Färbung und ihre Bewegungslosigkeit in ihrem Lebensraum, welcher sich hauptsächlich in Nadelwäldern befindet, äußerst gut getarnt.
Gelangt nun ein Beutetier in das Netz verlängert der Waldkobold blitzschnell den Anheftfaden hinter sich und lässt dadurch das eigentlich Netz über dem Beutetier zusammenfallen. Da wie gesagt kein Gift zur Lähmung der Beute eingesetzt werden kann, erfolgt zugleich ein sehr rasches und langandauerndes Einspinnen der Beute bis diese nicht mehr bewegungsfähig ist. Beim eigentlichen Fressvorgang wird dann die Spinnenseide wieder mit aufgesogen.
Das Einspinnen selbst erfolgt mit einer weiteren Besonderheit, denn Hyptiotes bedient sich dazu besonders feiner Spinnfäden, die sie mit Hilfe eines Spinnsiebes vor ihren Spinnwarzen produziert und welche mit Hilfe eines sogenannten „Kräuselkammes“ oder Calamistrum an ihrem letzten Hinterbeinpaar zu einer feinen Fangwolle verwoben werden. Dies gab der ganzen Familie der Uloboridae auch den Zusatznamen „Kräuselradnetzspinnen“. Durch diese Eigenschaft gehört die Familie wissenschaftlich zu der Gruppe der sogenannten „cribellaten Spinnen“, die in Europa mit ca. 50 Arten vertreten ist.
Die feine Fangwolle als solche ist aufgrund ihrer Oberflächenstruktur nicht nur ein hervorragendes Instrument um die Beute sicher einzuspinnen, sondern auch um der Gefahr einer Austrocknung zu begegnen, wie bei herkömmlichen Leimfäden.
Obwohl H.paradoxus paläarktisch, und damit auch in unserer Heimat weit verbreitet ist, ist sie dennoch nicht immer leicht zu finden. Bei uns lebt sie hauptsächlich in Fichtenwäldern der Mittelgebirgslagen. Die Männchen sind auf den ersten Blick als solche leichter zu erkennen, denn sie haben im Gegensatz zu vielen anderen Spinnenarten verhältnismäßig übergroße Bulben.
Die Weibchen dagegen pflegen ein unscheinbares, getarntes, stilles Dasein als lebender Faden in einsamen Nadelwäldern und warten darauf als Spinne des Jahres 2009 entdeckt zu werden.
Literatur
BELLMANN, Heiko (1997) Kosmos-Atlas Spinnentiere Europas. Stuttgart, Kosmosverlag
Internet:
www.spiderling.de/arages/Verbreitungskarten, www.spiderling.de/arages/Fotogalerie,
und www.natur-in-nrw.de/html/Tiere/Spinnen

Wer und was ist bei der Naturschutzarbeit versichert? Bin ich auch geschützt, wenn ich auf dem Weg in die Vorstandssitzung einen Unfall erleide?
Thema
blume des jahres 2010
vogel des Jahres 2010

>